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Mein Hinterteil

Unser Kolumnist schreibt seit längerem, dass er sogenannte «Gourmet»-Restaurants nicht mag. Jetzt sind solche over, offiziell.

Heute ein wenig E-Kultur, aber nicht nur.

Vergangene Woche war ich in Zürich; unter anderem weil im Schauspielhaus Premiere war von «Das Versprechen» (nach Friedrich Dürrenmatts Roman). Bevor ich davon erzähle – ein wenig E-Kultur also, wieder mal –, schreibe ich über einen Gegenstand, der auch eher an, sagen wir, unterhaltender Kultur interessierte MvH-Leser angeht: Restaurants.

Was Ihr Kolumnist schon recht oft behauptete, ist jetzt offiziell, kann man sagen (nämlich dass sogenannte «Gourmet»-Lokale mit Sternen, Mützen, Punkten, Design-Geschirr, «ausgefallenem» Besteck et cetera, in denen man Speisen bekommt, die einen herausfordern und so weiter, statt solche, die schmecken und satt sowie zufrieden machen, over, gegessen, sind). Man kann es sogar in Paris nachprüfen – vorvergangene Woche war ich in der Stadt und die zwei hôtesses, die mich betreuten, hatten einen Tisch reservieren lassen im «Derrière», einem der zurzeit beliebtesten Restaurants, sagten sie (ich war Gast von «Maison PBI», einem Parfümunternehmen; zum Glück, vor einiger Zeit war ich Gast eines Uhrenunternehmens und man führte mich in ein Lokal mit Namen «Stella Maris», in dem es Aal, Seegurke et cetera gab. Speisen eben, die einen herausfordern).

Es handelt sich dabei um ein «zu Hause weg von zu Hause»-Lokal, steht auf der Webseite, und das stimmt einigermassen, falls man ein Zuhause hat, das Harald Schmidt, mit dem ich ein bisschen bekannt bin, in einem anderen Zusammenhang so beschrieb: «Kalt duschen, sich mit Tüchern aus rauem Leinen abtrocknen; nackt auf dem Holzsteg, der zu einem See führt, liegen; Tyler Brûlé-mässig halt.»

Das «Derrière», das sich im dritten Bezirk befindet und hinter der «Andy Wahloo»-Bar liegt sowie dem «404», einem Restaurant, in dem es nordafrikanisches Essen gibt, kommt nicht zu Tyler Brûlé-mässig daher. Weil es, wie die beiden anderen Lokale, Mourad Mazouz gehört, einem Algerier, der vor 35 Jahren nach Paris zog. In seinen Restaurants (unter anderen «Momo» in London, wo mir an meinem ersten Abend, den ich dort verbrachte, Kevin Kline begegnete immerhin) gibt es eine «eklektische Mischung von Möbeln und Dekorations-Stilen» (Webseite), die mir gefällt und in der einem wohl ist als Gast – weil die Einrichtung zwar schön aussieht, aber nicht so, als wäre sie en bloc gekauft, sondern auf Reisen und während Jahren zusammen getragen worden. Schon klar, nur zum Sagen: Auch ein Lokal, von dem man meint, dass es ziemlich zufällig und mit einer zu Herzen gehenden Nachlässigkeit eingerichtet wurde, ist Ergebnis eines Entwurfs, den sich ein Profi zuerst ausgedacht und danach geschäftsmässig umgesetzt hat.

Bevor ich es vergesse, das Essen («französisch, einfach, genusstauglich, hergestellt aus besten Erzeugnissen»; Eigenreklame) schmeckte, machte satt und zufrieden (MvH nahm Salat von geriebenen Karotten mit Koriander, Ahornsirup und Sesamöl, für 10 Euro sowie Foie Gras-Terrine, 19 Euro). Falls es Leser gibt, die nicht nach Paris fahren mögen, um ein Restaurant auszuprobieren – in Zürich habe ich bis jetzt eigentlich kein pendant zum «Derrière» gefunden. Doch ich war im «Morgenstern da Mario» im Kreis 4; es handelt sich dabei nicht um eines meiner fünf Lieblingslokale, unter anderem weil man die Rechnung gut nachprüfen soll, habe ich gehört, aber ich ging hin mit einem, der den Status «Spezialgast» hat und in dem kleinen, abgetrennten Zimmer sitzen darf, in dem es bloss Platz für vier Leute gibt. Und er sagt dem Wirt am Morgen, was er am Abend aufgestellt bekommen möchte (etwa Cime di Rapa, Stengelkohl, und geräucherte Randen in Olivenöl).

Jetzt, wie angekündigt, zwei Abschnitte ernste Kultur: «Das Versprechen» im Schauspielhaus (elf weitere Vorstellungen bis 5. April) fand ich, über alles gesehen, gut (und das ist nicht schlecht – MvH ist kein Theater-Freund). In meinen Augen ist der Inhalt des Stücks besser als die Umsetzung, aber die ist auch in Ordnung (in der Neuen Zürcher Zeitung stand, Markus Scheumann, der die Hauptrolle hat als Kommissar Matthäi, sei formidabel; dass aber Dürrenmatts Haltung, der selbstironische Gestus, auf der Strecke bleibe.) Was mich mehr störte: Mehrere Schauspieler hatten Mehrfachrollen. Ihr Kolumnist kennt die Zahlen nicht, fragte aber, ob in diesem Haus plötzlich die Kostenwahrheit eingezogen ist (ich empfehle den Besuch trotzdem)?

An der sogenannten «Promi-Interview-Night» im «Meylenstein» in Zürich-Tiefenbrunnen, auf die hier aufmerksam gemacht wurde, war MvHs Gaststar Roman Camenzind, der Musikproduzent. Marco «Bligg» Bliggensdorfer war auch dort – als Zuschauer. Das gibt es nur chez nous, denke ich (MvHs nächste «Promi-Interview-Night»: 23. Feb.; möglicherweise wieder mit grösseren Stars unter den Besuchern als auf der Bühne).